Auslöser Übergewicht: Warum ich fast 100 kg wog

Auslöser Übergewicht

 

Am 04. Oktober 2013 stieg ich nach dem Aufwachen auf die Waage und fing an zu weinen.

97 Kilogramm.

Scheiße.

 

Meine fehlende Fitness und Rückenprobleme konnte ich irgendwie ignorieren. Aber diese Zahl, Schwarz auf Weiß, konnte ich beim besten Willen nicht von mir schieben.

Es war in diesem Augenblick, dass mir bewusst wurde, dass es so nicht weitergehen kann. Ich musste etwas ändern. So traurig und bestrafend dieser Moment auf der Waage auch war, so wichtig war er, um meine Augen zu öffnen. Ich habe die Wahrheit verdrängt. Ich dachte mir „Aaaach so dick bist du nicht“ und habe im Spiegel nie so genau hingesehen. Ich habe meinen Körper so hingenommen, wie er eben war. Über mein starkes Übergewicht habe ich nicht nachgedacht, wenn ich es vermeiden konnte, aber manche Situationen drückten mir ihre Finger in die offene Wunde:

 

 

 

  • Als ich eine neue Jeans kaufen wollte und die Verkäuferin in die Männerabteilung gehen musste, um eine Hose zu finden, die groß genug war
  • Das eine Mal, als ich nur vom Umziehen in einer Umkleidekabine einen Kreislaufzusammenbruch bekam
  • Jedes Mal, wenn mir beim Treppensteigen die Lunge brannte
  • Wenn mir ab 23 Grad Außentemperatur der Schweiß von der Oberlippe lief, obwohl ich mich nicht bewegt hatte
  • Beim Schulausflug, als wir eine Gruppen-Vertrauens-Übung machten, übereinander klettern sollten und ich mich als Einzige verweigerte
  • Beim Essen im Restaurant, wenn ich unbedingt eine Nachspeise wollte, ich mich aber geschämt habe, als Einzige am Tisch eine zu bestellen
  • Die Untersuchung beim Endokrinologen auf Schilddrüsenstörung (wie „einfach“ wäre ein körperlicher Defekt, bei dem ich nur Tabletten nehmen müsste, um abzunehmen), bei dem mir ein Test auf Diabetes angeraten wurde

 

Als schnell beleidigter Teenager traute sich mein Umfeld irgendwann sowieso nicht mehr, mich auf meinen Körper anzusprechen. Ein Mini-Kommentar zu meinem Gewicht, wenn auch noch so gut gemeint, und ich ging durch die Decke. Natürlich wollte mich keiner an die Hand nehmen und sagen „Carina, du bist zu dick und musst abnehmen“.

Wahlweise könnte die Person auch einem Bären ins Gesicht boxen, das Ergebnis wäre das selbe!

 

 

Wichtig zu differenzieren: Ich rede hier nicht von 4-5 Wohlfühlkilo mehr, sondern von starkem Übergewicht, das zur Lebens- und Gesundheitsbelastung wurde.

 

Den Großteil meines Übergewichts habe ich mir in den drei Monaten nach meinem Abitur angefuttert. Drei Monate, in denen andere die Welt bereisten und nochmal richtig auf die Kacke hauen. Ich hingegen hockte 3 geschlagene Monate lang mit meinem (damals neuen) Freund in meinem Zimmer und wir spielten Sims.

Nichts tun, keinen Zweck haben, keinen geregelten Tagesablauf – das brach mir das Kreuz. Gerade weil ich von Natur aus faul bin, brauche ich etwas, das mich fordert und zur Leistung zwingt. Sei es Schule, Arbeit oder Hobby. Wenn man sich als Mensch nicht gebraucht fühlt, setzt der Frust ein.

 

Auftritt: Schokolade.

Eine Packung Toffifee am Tag? No Problemo! Dazu noch Pizza und Gorgonzolanudeln, oder 6 Aufbacksemmeln mit einem Becher Knoblauchsauerrahm.

 

Auslöser Übergewicht

 

Schokolade war für mich ein Seelentröster. Mein Körper gierte nach Belohnung, die ich durch meine Lethargie nicht mehr bekam. Ich war traurig und frustriert und Schokolade gab mir diese kurzen Glücksimpulse. Aber wie das nun mal so ist, bei einer Sucht: Irgendwann wirkt die Droge nicht mehr und die Dosis muss erhöht werden. So trainierte ich mir die Gewohnheit an, Süßes in mich hinein zu stopfen, wenn es mir schlecht ging und die Kilos bahnten sich ihren Weg. Je mehr Kilos ich auf den Rippen hatte, umso unsicherer und beschämter wurde ich und der Teufelskreis nahm seinen Lauf.

 

Für mich ist starkes (!) Übergewicht deshalb meistens ein Indiz für ein grundlegendes psychologisches Problem. Sei es wie in meinem Fall Langeweile und Unterforderung oder Trauer, Stress in der Arbeit, Unsicherheit, Überforderung, fehlende Wertschätzung, fehlende Liebe. Es gibt viele Auslöser, die zu einer Überkompensation durch Glücksgefühle beim Essen führen können.

 

Ein erster Schritt raus aus diesem Teufelskreis ist, den Ursprung der negativen Gefühle zu erkennen, sich diesen einzugestehen und zu akzeptieren. Erst als ich das Problem beim Namen nennen konnte, konnte ich etwas dagegen unternehmen.

Dieser Schritt ist hart. Insgeheim wäre mir eine körperliche Erklärung wie eine Störung der Schilddrüse sogar lieber gewesen, als mir einzugestehen, dass ich ein Problem habe. Lieber Tabletten schlucken, als die schmerzhaften Gefühle zu konfrontieren. Im Nachhinein bin ich natürlich froh, dass ich gesund bin und keine chronischen Schäden aus meinem Übergewicht entstanden sind. Aber ich weiß auch noch zu gut, wie es sich damals anfühlte.

 

Der Moment, als ich 30 kg abgenommen hatte.

 

Wenn ihr euch in meinen Worten wiedererkennt und sie euch vielleicht auch ein wenig weh tun, dann versucht, euren Auslöser Übergewicht beim Namen zu nennen und zeigt ihm, wo der Hammer hängt!

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18 Comments

  • Ich finde es noch immer sehr bewundernswert, was Du geschafft hast. Vor allem ein großes Kompliment an Dein Durchhaltevermögen. Am Ende des Tage skonntest nur Du selbst etwas daran ändern und Du hast die Chance genutzt.

  • Hut ab und ganz großen Respekt für Deinen Mut und Deine Ehrlichkeit. Ich stehe ganz am Anfang meiner Ernährungsumstellung, aber mich motiviert es total, zu sehen, dass so etwas auch „normale“ Menschen schaffen können. Ich wünsche Dir ganz viel Erfolg mit dem neuen Blog 🙂 Und ich freue mich auf viele weitere Tipps und Ideen 🙂 Liebe Grüße, Jule

  • Danke für diesen ehrlichen Bericht, Carina!!! Ich finde es sehr mutig, dass du das hier so offen mit uns teilst und umso größer ist meine Bewunderung für dich, was du alles geschafft hast! Ich hab selber auch 30 kg abgenommen aber bin mit der Ernährung jetzt „danach“ leider nicht so konsequent wie du – folgedessen sind auch ein paar Kilo wieder drauf :/ Ich mach zwar sehr viel Sport aber das alleine reicht leider nicht – ich hoffe, dass ich bald wieder die Disziplin habe, die paar Kilo runterzubringen.
    Mach weiter so! Du kannst wirklich sehr stolz auf dich sein!!

    LG Michaela

    • Dieses Einpendeln „danach“ ist das Schwierigste beim Abnehmen. Kilos zu verlieren ist so gesehen sehr stringent, aber dann die Balance zwischen Genuss und Gesund zu finden ist hart. Lass dich nicht entmutigen!!

  • Wow, was du geschafft hast und wie offen und ehrlich darüber sprichst. Das tut sonst selten jemand. Toll, dass du mutig warst und dich nicht davor gedrückt hast aufzudecken, was dein Gewichtsproblem ausgelöst hat. Das ist ja nicht besonders angenehm und da lässt man meistens lieber den Deckel drauf statt sich mal die negativen Gefühle aufzudecken.

    Leichter ist es aber leider wirklich nicht, wenn man eine körperliche Ursache fürs Gewicht wie ein Schilddrüsenproblem feststellt. Dann weiß man zwar wieso man sich schlecht fühlt und einfach mal 30 Kilo zugenommen hat – mit Tabletten nehmen ist es aber dann nicht einfach wieder gut. Abnehmen ist dann noch viel schwieriger und geht nur langsam. Wenn überhaupt. Und dann muss man ein Leben lang Tabletten nehmen und ständig zum Bluttest wenn die Werte immer schlecht bleiben und sich einfach kein Gleichgewicht einstellen will und man trotzdem müde ist und weiter zunimmt.

    Gesund und langfristig abnehmen ist also nie einfach – du machat aber Mut und motivierst einen, nicht aufzugeben und auch offen drüber zu sprechen!

    Danke dafür!

    • Gesund und langfristig abnehmen ist also nie einfach – das ist wohl wahr. Die gesunde Balance zu finden ist das A und O einer lebenslangen Ernährungsumstellung. Wenn dann noch eine Krankheit dazu kommt – umso schwieriger! Jeder hat sein Päckchen zu tragen und einfach ist es leider für die wenigsten!

  • Leider habe ich diesen Weg größtenteils noch vor mir, aber dein Post motiviert mich dranzubleiben bzw. wirklich mal die Gedanken darüber zuzulassen, was der Grund für mein Übergewicht ist (Langeweile und Unterforderung und mangelnde Disziplin) und Lösungen zu finden. An Tagen, an denen ich beruflich sehr eingespannt bin, fällt es mir überhaupt nicht schwer, stundenlang nichts zu essen, aber sobald es nicht so zugeht oder ich mich manchmal wirklich sogar langweile, verspüre ich alle 1,5 Stunden ein Hungergefühl, was ja nun wirklich nicht sein kann, zumal das, was ich esse, durchaus ausgewogen und gesund ist. Denn was gut ist, was Nährstoffe etc. betrifft, kenne ich mich nun mittlerweile schon aus. Die Menge ist bei mir das große Problem. Und die mangelnde Bewegung.
    Beides wäre gelöst, wenn ich mich nur zu einem aktiveren Leben aufraffen könnte; abends eben nicht auf der Couch rumgammeln und aus Langweile Zeug reinstopfen, sondern noch mal zum Sport gehen; am Wochenende Wandern oder Spazierengehen statt eine gesamte Staffel auf Netflix durchzuschauen.
    Also, lange Rede, kurzer Sinn: danke für deinen Post!

    • Mir geht es ganz genau so, liebe Marion! Ich esse auch aus Langeweile und Komfort und müsste mich grundsätzlich mehr bewegen. Je länger man statisch bleibt, umso schwieriger wird es, wieder in Schwung zu kommen. Ich merke selbst, dass in mir viel mehr Energie und Bewegungsdrang steckt, aber mit der Arbeit ist es einfach schwer, Bewegung in den Alltag zu bringen.

  • interessante geschichte,die viel wahrheite beinhaltet.allerdings kann ich dir als “ Hashimoto Patientin „sagen,. dass die aussage „tabletten nehmen und abnehmen“ nicht stimmt.
    Ganz im Gegenteil: die Tablette sollen einen ungefähren Ausgleich des Hormonverlusts herbeiführen, der sich allerdings jeden Tag wieder neu zeigt,einmal besser einmal schlechter.
    Und da ja,gerade bei einer Unterfunktion,der Stoffwechsel sehr zäh auf trab kommt, muss ich vieeel mehr Sport machen um eine geringe Menge abzunehmen- 3-4 h Sport in der Woche für 1 kg im Monat !
    So einfach abzunehmen wäre schön, denn auch bei dieser Erkrankung spielt die Psyche viel mit, es frustet ,.wenn man zum einen seinen Verzicht und auch seine krankheitsbedingten Symptome sieht und dann im Gegenzug eigentlich „auf Sparflamme isst „, da der Körper das eben nicht umsetzen kann,und das ein Leben lang !

    • Liebe Clarissa, das war meinerseits natürlich vereinfacht und überspitzt formuliert.
      Es tut mir sehr leid, dass dich dieses Krankheitsbild so einschränkt. Ich bin im Nachhinein unglaublich dankbar, dass mit meiner Schilddrüse alles in Ordnung ist.

  • Mir fehlt leider immer noch die Motivation 🙁 trotz 30 Kilogramm Zunahme. Ich sehe mich dick und ich fühle mich dick. Aber was dagegen machen kann ich irgendwie nicht.

  • servus 🙂

    Vielen Dank Carina. Zusammen mit einem ausgeliehenen Buch warst/bist du für mich eine große Inspiration. Im Nachhinein frage ich mich wie ich solange nicht sehen konnte das 102kg auf 168cm nicht nur ein bisschen Übergewicht sind, sondern mein Leben tatsächlich verkürzen können.
    Nach 270 Tagen bin ich bei 74kg und freue mich auf baldiges Normalgewicht.
    In einigen Punkten habe ich andere Erfahrungen gemacht, als du sie beschrieben hast. Trotzdem hat es mir immer Mut gemacht einen neuen Post von dir zu lesen. Deine ehrliche Art finde ich sehr erfrischend und du hast es oft geschafft mir aus der Seele zu sprechen und mir das Gefühl gegeben dass ich das auch schaffen kann.
    Meine liebste Antwort auf Fragen zu meiner Wunderdiät ist: “ich mache keine diät, ich will das mein Leben lang durchziehen können.“
    Ich hoffe ich schaffs.

    Vielen Dank!
    Lg alory

    • HAHA das ist eine super Antwort!! Danke für deine tollen Worte, ich bin unglaublich stolz, wenn ich dich motivieren kann!
      Genau so soll das sein! Hut ab vor deiner Leistung. Man muss den Ball einfach ins Rollen bringen und dann dran bleiben. Wundermittel gibt es da keine!