Die Psyche nach dem Abnehmen

 

Wenn wir an Abnehmen und Fitness denken, dann unweigerlich auch an heiße Körper, knackige Hintern und straffe Schenkel. Ein schlanker Körper ist gleichbedeutend mit Sexappeal und Schönheit und das ultimative Ziel. Wir sehen unglaubliche Vorher-Nachher-Bilder von Menschen, die teilweise über 50 kg Körpermasse verloren haben und wie neu geboren aussehen.

 

Aber was passiert im Kopf nach einem so großen Gewichtsverlust?

 

Die eine Seite des Abnehmens ist die extreme körperliche Veränderung. Mein Bauch ist flach, meine Beine straffer, mein Gesicht schmäler. Von außen bin ich ein anderer Mensch. Aber was passiert im Kopf, wenn ein großer Teil des Körpers verschwindet?

 

Auf schneidigen Instagram Fotos erkennt man nämlich nicht den emotionalen Aspekt einer großen Gewichtsabnahme. Mit genau diesem habe ich nun zu kämpfen. Dabei geht es nicht einmal „nur“ um Gewichtsverlust. Der ist eher eine Folgeerscheinung meiner Lebensumstellung. Diese betrifft nicht nur gesunde Ernährung und eine Sportroutine, sondern auch mein Körpergefühl und meinen Alltag. Jeder Aspekt meines Lebens hat sich durch diese Lebensumstellung verändert.

 

In meinem Kopf lebt aber immer noch die verunsicherte, pummelige Teenie-Carina.

 

Auch nach 2 Jahren Normalgewicht …

  • … bin ich ungläubig, wenn mich jemand als schlank bezeichnet.
  • … habe ich Angst vor sportlichen Aktivitäten, obwohl ich eine gute Fitness habe.
  • … überrascht es mich, wenn ich bei Sportkursen nicht als Erste schlapp mache.
  • … bestelle ich Kleidung immer zu groß.

 

Psyche nach dem Abnehmen

 

Offensichtlich ist mein Kopf noch nicht in meinem neuen Körper angekommen. Als ich meinen Weg zum fitten Ich startete dachte ich, sobald ich eine gewisse Kilogrammzahl erreicht habe, bin ich automatisch 100 % selbstbewusst und glücklich. Ich war mir sicher, dass mein Gewichtsverlust mein gesamtes Leben verbessert.

„Sobald die Waage 65 kg anzeigt, trage ich nur noch enge Kleider und Highheels und die Männer werden mir zu Füßen liegen!“

 

Abnehmen macht gesund, aber nicht unbedingt glücklich.

 

Nur, weil sich das Aussehen verändert, lösen sich nicht alle Probleme in Luft auf!

Tatsächlich kann eine hohe Gewichtsreduktion sogar zu einer Verschlechterung der Stimmung und Depression führen (Quelle: Wissenschaft Aktuell).

25 Jahre lange habe ich unter meiner Figur gelitten. Obwohl ich über einen Zeitraum von 2 Jahren bewusst und langsam meine Kilos verloren habe, macht das nicht die Unsicherheiten meines früheren Lebens ungeschehen. Wie muss es erst Frauen und Männern gehen, die mit einer Crashdiät innerhalb von ein paar Monaten extreme Mengen abnehmen? Nicht nur der Körper leidet unter diesem Stress, der Kopf kommt erst recht nicht hinterher.

Schlank sein heißt nicht glücklich sein. Nur weil man in eine Hose Größe 38 passt, muss im Leben nicht alles rund laufen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass ein gesunder Körper zum Glück beiträgt. Seien es schöne Klamotten, mehr Ausdauer oder weniger Schmerzen. Aber dafür muss man nicht eine bestimmte Kilogrammzahl erreichen.

Ich kann mit Kleidergröße 42 glücklicher und zufriedener sein, als mit Größe 38.

 

Kopf und Körper müssen auf dem selben Stand sein.

 

Die gute Nachricht ist: es wird. Mein Selbstbewusstsein steigt langsam und hüpft mit jedem Kompliment ein wenig höher. Interessierte Blicke von Männern machen mich nicht mehr misstrauisch, sondern ein Stückchen aufrechter. Der Blick in den Spiegel wird liebevoller und weniger kritisch. Ich bin nicht die Zahl auf der Waage, sondern noch so viel mehr!

Es wird noch dauern, bis die verunsicherte Pummel-Carina in mir auszieht. Mein ganzes Leben hatte ich ein bestimmtes Bild von mir im Kopf und das ändert sich nicht über Nacht. Auch schlanke Menschen haben Probleme. Seid ehrlich zu euch selbst und überlegt, ob euer Unwohlsein nicht andere Auslöser hat, als nur die Zahl auf der Waage.

 

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6 Comments

  • Danke dass Du diese Gedanken teilst, die auch ich nachvollziehen kann. Ausserdem kam ich mir nach meiner Gewichtsabnahme anfangs deutlich verletzlicher vor, weil mir der „Panzer“ aus Speck auf einmal fehlte.

  • Sehr interessanter Beitrag. Bei mir geht es momentan eher um die Psyche VOR dem Abnehmen. Habe letztens festgestellt, dass mein Hirn den Wunsch abzunehmen wohl nicht komplett akzeptiert hat. Ich bin so an meinen aktuellen Körper gewöhnt, dass mir die Veränderung durch Abnehmen wohl unheimlich zu sein scheint. Etwas anderer Aspekt, aber ich fand die Erkenntnis sehr interessant. Allgemein wird, wie du ja schreibst, der Fokus beim Thema Abnehmen viel zu sehr auf den Körper gelegt. Der mentale Aspekt sollte jedoch nicht vernachlässigt werden, dann holt einen das hinterher auch nicht so arg ein.

  • Sehr guter Punkt!
    Viele denken wirklich „Wenn ich erstmal schlank bin, dann bin ich glücklich!“. Das sind hohe und falsche Erwartungen. Umso größer kann die Enttäuschung sein, wenn’s mit dem glücklichsein dann auch schlank nicht so klappt.