Mein gestörtes Essverhalten: Ernährung außer Kontrolle

Meine 11 Monate Weltreise sind ein riesiges Abenteuer, aber auch eine enorme Herausforderung. Jeder Aspekt meines Lebens hat sich in den letzten Monaten verändert und meine Welt wurde buchstäblich auf den Kopf gestellt (ok Down Under kommt erst später, aber you get it!).

 

So natürlich auch meine Ernährung.

 

Zuhause hatte ich einen ganz strikten Rahmen, was meine Ernährung anging. Ich war nicht mehr ganz so streng mit mir, wie noch zu meinen Kalorienzählzeiten und verzieh mir sogar gnädigerweise eine Gewichtsschwankung von 2-3 Kilo.

Trotzdem war ich noch immer im Kalorien-Clean-Eating-Überanalysier-Modus gefangen. Ohne Küchenwaage konnte ich nicht kochen. Ich wog Nudeln (DAS Sündenessen schlechthin!) bis auf die einzelne Macaroni ab, um ja nicht über die Strenge zu schlagen. Zu besonderen Anlässen gönnte ich mir eine Semmel vom Bäcker. Ich hatte Lebensmittel, bei denen ich mich sicher fühlte, wie Zucchini, Champignons oder Blumenkohl. Diese sogenannten Volumenlebensmittel versprachen mir einen vollen Teller mit möglichst wenig Kalorien.

 

Mein gestörtes Essverhalten: Regeln rund um meine Ernährung

 

  • Zucker ist der Todesfeind
  • Obst ja, aber nicht zu viel wegen Fructose
  • Kohlenhydrate so wenig wie möglich
  • Nicht zu viel Öl beim Braten – lieber in Wasser kochen oder garen
  • Kalorien dürfen nicht getrunken werden
  • Das Wichtigste beim Essen sind die Nährwerte
  • Keine Fertigprodukte und keine verarbeiteten Produkte
  • Die größte Portion auf dem Teller muss Gemüse sein
  • Niemals im Stehen essen
  • Immer Wasser zum Essen trinken
  • Vor 18 Uhr gibt es kein Abendessen, auch wenn ich Hunger hatte
  • Das Frühstück muss ich so langsam essen, dass es sich über zwei Serienfolgen dehnt
  • Schlank ist immer besser
  • Die Waage muss eine bestimmte Zahl anzeigen
  • Kein Weißbrot
  • Abends nur Lowcarb
  • Fett nur ungesättigt

 

Mein gestörtes Essverhalten

 

Ich hatte mir ein streng diszipliniertes Konstrukt aufgebaut, an das ich mich halten konnte. Willensschwäche war unter diesen Umständen nicht möglich. Für mich war es einfacher, mich an all diese Regeln zu halten, als auf meinen Körper zu hören.

 

Mein gestörtes Essverhalten – AUFTRITT: WELTREISE.

Man nehme aaaaaaalle diese Regeln und Routine und werfe sie einmal aus dem Fenster.

 

Keine Routine. Keine Küchenwaage. Völliges Chaos.

 

Es war, als hätte man mich in einen Swimmingpool geschubst und gesagt „jetzt schwimm!“. Nach den ersten 4 Wochen meiner Reise, als das Urlaubsgefühl langsam verflog, begann ich zu straucheln. Ohne meine Küche und Kontrolle fühlte ich mich verloren.

Denn kein Tag glich dem anderen. Ich versuchte mich händeringend an meine alten Regeln zu halten und mich so gesund wie möglich zu ernähren, aber oft hatte ich einfach keine Wahl.

Dazu kam auch eine unglaubliche Neugierde auf neue Küchen und Angst, ein tolles einheimisches Gericht zu verpassen. Für mich gehört BBQ genau so zu New Orleans, wie das French Quarter! Essen und Kultur sind für mich untrennbar. Zum Glück habe ich mich hier nicht eingeschränkt und alles probiert, das mich interessierte. Das hätte ich mir sonst nie verziehen!

 

Mir wird erst jetzt im Nachhinein bewusst, was ich mir allein vom Ernährungsaspekt mit meinem Sabbatical zumutete.

 

Aber irgendwas in mir sagt mir, dass ich genau diesen harten Cut gebraucht habe. Wäre ich in meinem Umfeld und meiner Routine in München geblieben, hätte ich mein gestörtes Essverhalten bis heute nicht hinterfragt.

Denn nun muss ich lernen, auf meinen Körper zu hören. Mit dem hatte ich nämlich schon lange keinen Dialog mehr. Ich habe ihn geschunden, gehungert und trotzdem war ich mit seiner Leistung und seinem Aussehen nicht zufrieden.

 

Meine Zunahme der letzten Monate sah ich zuerst als Fluch und war stinksauer auf mich. Ich sah die Pölsterchen an Bauch und Beinen als meine persönliche Schwäche an. Als Kummerspeck, weil ich nicht stark genug war. Ich war enttäuscht von mir selbst.

 

Nachdem ich meinen Frust im letzten Blogpost veröffentlicht hatte, ging ich nochmal in mich. Ich sah mich bewusst im Spiegel an. Ich versuchte, mich tatsächlich zu sehen und nicht das Fett-Konstrukt, das ich in meinem Kopf immer weiter aufplusterte. Eigentlich fühle ich mich ganz wohl! Eigentlich kann ich richtig stolz auf mich sein, dass ich mein gestörtes Essverhalten herausfordere. Dass ich meinem Körper mehr vertraue.

Anstatt gegen meinen Körper zu kämpfen, will ich meinen Frieden mit ihm schließen. Vielleicht braucht es gerade dieses regellose Chaos, um zu lernen, wieder auf meinen Körper zu hören. Somit stößt die Weltreise ganz nebenbei das Abenteuer der intuitiven Ernährung an!

 

In den nächsten Monaten möchte ich mit euch gemeinsam den allgegenwärtigen Diätkult kritisch hinterfragen. Ich möchte einen neutralen Umgang mit Ernährung lernen und freue mich, wenn ihr mich auf diesem schwierigen Weg begleitet!

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16 Comments

  • Ich finde so viel in den letzten beiden Posts von mir wieder. Ich hatte nie eine so drastische Umstellung wie du, ich habe das immer bewundert und zugleich gefürchtet („an solche Regeln kann ich mich nie halten“). Stattdessen habe ich nur versucht meine gewohnte Ernährung mit Weight Watchers irgendwie in Einklang zu bringen, was nach der Umstellung von deren Programm natürlich nicht mehr geklappt hat. Ich war dann eine von denen, die mittags keine Punkte aber jede Menge Hunger hatten. Und die so gefeierte Community half auch nicht weiter („dann isst du die falschen Sachen, ich hab keinen Hunger“ „du musst dein Leben auch komplett ändern“) und nach dem gefühlt hundertsten Bild mit bis zu 6 gekochten Eiern („mein Frühstück für nur 4Punkte“), hab ich aufgegeben und mich als totaler Versager gefühlt. Ich hatte es mal wieder nicht durchgehalten, ich war mal wieder schwach geworden. Zum Glück fand ich bei Instagram einen Account, die sich langsam durch intuitiv eating ihren Weg zu ihrem Körper zurück kämpfte. Leider ist sie nicht mehr auf Instagram, aber zu hören, wie jemand sagt: „iss die Schokolade oder die Pizza oder das Eis oder einfach die verdammten Nudeln, dein Körper wird Dir irgendwann sagen, wann es genug ist“, war befreiend. Ich hab gemerkt, dass es bei Süßigkeiten wirklich klappt. Wenn man sich einfach mal dabei beobachtet und nicht wertet, wird man oft viel weniger essen, als man vorher befürchtet hat. Na klar hab ich zugelegt, seitdem mir keiner mehr die Portionengröße vorschreibt und manche Jeans kneifen echt heftig und es ist so frustrierend nicht in Klamotten reinzupassen, aber mal nicht 24/7 an Essen zu denken, ist so befreiend. (Und ich hatte echt den Thunfisch und den gerösteten Brokkoli abends satt – wenig Punkte, viel Volumen. Ich mag beides immer noch, aber nicht Lehr jeden Abend)

    P.S. mir ist aufgefallen, ich hab Dir noch nicht auf deine Frage unter meiner Antwort auf den letzten Post geantwortet. Intuitiv eating versuche ich gerade. Bei Süßigkeiten klappt es auch einigermaßen. Bei den restlichen Mahlzeiten merke ich im Nachhinein, dass die zu Kohlenhydratlastig sind und ich eigentlich mehr Gemüse essen sollte. Aber so ganz ist das in meinem Körper noch nicht angekommen

    • Danke liebe Grieta, das du das mit mir teilst! Mein bestes Beispiel ist Schokolade. Ich habe mich Jahre gegeisselt, weil ich absolut süchtig nach Schokolade war. Ich habe sie mir sogar 4 Jahre lang komplett verboten. Natürlich dachte ich an nichts anderes als Schoki!

      Seit ein paar Monaten esse ich jeden Tag ein kleines Stück Schoki (meistens Kitkat) und denke nicht weiter darüber nach! Ich habe keinen Heißhunger, ich verurteile mich nicht dafür und gut ist es. Das würde ich gerne für andere Teile meiner Ernährung übernehmen!

  • Liebe Carina,
    ich schaue deine Instastory, lese deine Posts und vrfolge dich schon eine Weile und fand es immer richtig krass, wie viel du abgenommen hast, wie diszipliniert du gegessen hast und dann ständig in Bewegung – es sah jedenfalls alles ziemlich super aus. Ich dachte aber immer, dass du keinerlei Abwechslung beim Essen hast. dein Frühstück sah immer gleich aus usw. „Nichts schmeck so gut wie schlanksein!“ – klingel es mir da in den Ohren. Aber das stimmt ja nicht! Geiles BBQ, mal Schokolade oder an einem wirklich heißen, stressigen Tag abends eine eiskalte Cola! Natürlich schleckt das besser! Natürlich ist Genuss besser als Maßregelung – in Maßen, mit „Vernunft“. Aber es klingt für mich vernünftiger nach Gefühl zu essen, nach Sättigung und Appetitt – vor allem klingts nach mehr Spaß! Ich hoffe du kannst dir das gönnen. Denn nichts macht Menschen schöner als Zufriedenheit.

    • Liebe Marla, das hast du sehr schön geschrieben! Im Nachhinein ist man natürlich immer klüger. Aber die Phase hat es wohl gebraucht, dass ich jetzt an einem Punkt bin, wo ich Diäten einfach satt habe. Ich habe tatsächlich immer das Gleiche gegessen, weil ich mich damit sicherer fühlte.

  • Hallo Carina, ich bin sehr gerne dabei! Ich mache zwar keine Weltreise, aber mir geht es so ähnlich. Ich stehe zur Zeit ratlos da und versuche auch irgendwie einen vernünftigen Weg, zu einer vernünftigen und gesunden Ernährung zu finden. Aber hauptsächlich suche ich erstmal einen Weg, dass ich endlich überhaupt mal beginne!
    Ich freue mich darauf! 😊
    Lg
    Andrea

    • Das ist der erste wichtige Schritt! Ich fand das Buch Intuitive Ernährung dazu äußerst hilfreich, um einen Start zu finden

  • Ich habe dir vorhin einen Kommentar geschrieben, von dem ich mir wünsche, dass du ihn nicht freischaltest. Das Thema ist ein sehr sensibles und ich glaube, mein Kommentar war das nicht gerade.
    Es tut mir leid, wenn ich dich damit beleidigt habe.

  • Liebe Carina,

    du musst diesen Kommentar nicht veröffentlichen, ich weiß leider nur nicht wie ich dir anders schreiben soll.

    Ich hoffe, wenn du daheim bist, das du dir Hilfe suchst. Eine Ernährungsberatung und eine Therapie würden dir sicher viel helfen, denn das was du beschreibst ist eine Essstörung und alleine kommt man da nie raus.

  • So ein essverhalten macht doch auch keine Freude! Sich ein Leben lang so zu geißeln wär nichts für mich, da mir essen zu viel Spaß macht. Und es klingt nicht sehr gesund trotz der gesunden Lebensmittel. Dann lieber Sport als hungern! Hoffentlich schaffst du es einen guten Weg zu finden denn so gestört finde ich dein Essverhalten auf Weltreise gar nicht. Du genießt und so soll es sein!

    • Liebe Nicole, auf Weltreise ist sowieso alles anders, weil ich nicht selbst kochen kann! Also MUSS ich mich fremdsteuern lassen. Was einerseits wahnsinnig schwierig ist, aber auch sehr heilsam.

  • Ich wünsche dir, dass du eine Ernährungsweise findest, mit der du gut leben kannst! 🙂
    Viele deiner „Regeln“ finde ich nicht per se zu extrem, aber wenn man sich damit quält, ist auch nichts gewonnen. Man muss eben etwas finden, was zum eigenen Körper passt – und sollte dabei aufpassen, in dieser Welt, in der Essen ständig verfügbar ist, nicht ins andere Extrem zu verfallen.

    Wenn ich mir erstmal diese typischen Fett-Zucker-Salz-Kombis abgewöhne (die das intuitive Essen unmöglich machen, weil sie eine Art Sucht erzeugen), komme ich tatsächlich sehr gut klar. Aber sobald ich wieder mit Süßkram und Knabberkram anfange … seufz.
    Na ja, ich arbeite dran 😉 es ist leider ein ständiges Tauziehen zwischen „Sich Ausnahmen von vernünftiger Ernährung erlauben“ und „Die unvernünftige Ausnahme wird die Regel“ …

    • Witzigerweise habe ich keinen Heisshunger auf Fett-Zucker-Salz-Kombis. Am besten fühle ich mich nach einer ausgewogenen Mahlzeit, wie Reis mit Fisch und Gemüse! Aber das sollte nicht mein einziges Essen sein, sondern auch Pizza ohne schlechtes Gewissen. Mal schauen, wie sich das entwickelt!